Solidarisch reformieren

Wie wir unser Pensionssystem nachhaltig leistungsfähig und sicher machen.

 

Sinn statt Flucht ist die Devise

Im Grunde sind wir heute in einer beneidenswerten Situation. Unsere Eltern- und Großelterngeneration hat Österreich wieder aufgebaut und sich intensiv um Wohlstand und Obsorge ihrer Kinder gekümmert. Die letzten Jahrzehnte jedoch haben durch tiefgreifende geopolitische und gesellschaftliche Veränderungen zu weitreichenden Konsequenzen geführt. Wirtschaftliche Prosperität, technischer Fortschritt und eine immer freiere Welt sind die glänzende Seite der Medaille – doch sinkende Geburtenraten, eine enorme Staatsverschuldung und ein zu früher Pensionsantritt vieler Arbeitnehmer stellen uns vor komplexe Zukunftsprobleme.   

Trotz eines Gesundheitssystems mit höchster Qualität sind wir in Österreich Weltmeister bei Früh- und Invaliditätspensionen. Die international betrachtet hervorragenden Arbeitsbedingungen resultieren wider Erwarten nicht in einer hohen Erwerbsfähigkeit im Alter.

Ganz im Gegenteil suchen viele ihr Heil in der Flucht und streben eine frühzeitige, sichere Pension an. Genau hier muss der Hebel angesetzt werden, Sinnstiftung sollte der zentrale Begriff unserer gemeinsamen Zukunft sein. Jung und Alt dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen an einem Strang ziehen – im Sinne einer Gesellschaft, die sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst ist.

 

Sonderregelungen ade! 

Wussten Sie, dass jeder Tag 30 Stunden hat? Durch zunehmenden Wohlstand und die rasante Entwicklung der Medizin steigt unsere Lebenserwartung um sechs Stunden pro Tag – doch das Pensionseintrittsalter hält nicht Schritt! Es ist logisch, dass sich genau in diesem Punkt etwas ändern muss und wir einen Teil dieser gewonnenen Lebenszeit sinnstiftend mit Arbeit füllen müssen. Es wäre bereits ein Quantensprung und eine große Entspannung unseres Pensionssystems, könnten wir in absehbarer Zeit das Regelpensionsalter erreichen und damit Ausgewogenheit in der Work-Life-Balance herstellen. In der Vergangenheit waren Sonderregelungen wie die „Hackler-Pension“ eher Norm als Ausnahme und niemand darf sich wundern, dass Menschen solche durch Wahlkämpfe verursachte Angebote bereitwillig angenommen haben.

In Zukunft müssen für alle 45 Beitragsjahre oder ein Mindestalter von 65 Jahren zur Erreichung des Pensionsantritts notwendig sein. Durch die Pensionsreformen der Jahre 2003 und 2005 wurden wichtige Schritte in Richtung Harmonisierung der Systeme gesetzt, die wir alle mit Nachdruck vorantreiben müssen. Früh- und Invaliditätspensionen dürfen kein Regelfall bleiben, sondern nur der Weisheit allerletzten Schluss darstellen.

Für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr am Arbeitsmarkt teilhaben können, sollten durch medizinische Versorgung, Rehabilitation und Anreize zur Wiedereingliederung Perspektiven geschaffen werden, die nicht zwangsläufig im Ruhestand enden. Die im Zuge einer beantragten Pension aus Krankheitsgründen festgestellten Erkrankungen sollten bei Verdacht auf dadurch entstehende Eigen- und Fremdgefährdung (Waffen-/Flug-/Führerschein) an die entsprechenden Bezirksbehörden weitergegeben werden.

 

Respekt der Generationen

Die beiden Seniorenvertreter Ingrid Korosec (ÖVP) und Dr. Karl Blecha (SPÖ) können auf Meinungsumfragen hinweisen, welche besagen, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer keineswegs eine Frühpensionierung anstrebt, sondern vielmehr länger tätig sein will. Aber es bedarf Anreize, um derartige Motivation in die Realität der Zukunft umzuformen. Ältere Menschen sind kein „altes Eisen“, sondern punkten mit Erfahrung und Kompetenz und können junge Menschen beim Einstieg und Aufstieg im Beruf bestens begleiten. Hier geht es um gegenseitigen Respekt der Generationen – Schwächen werden gemeinsam gestemmt und Stärken vielschichtig ausgebaut. Da wir uns immer stärker von einer Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft entwickeln, sind Know-How, soziale Kompetenz und mentale Intelligenz die Fähigkeiten von morgen. Menschen mit Lebenserfahrung sind daher unverzichtbar! Kluge Unternehmen machen sich diesen Umstand bereits heute zunutze, denn „pensionierte“ Erfahrung geht verloren und muss bei jungen Mitarbeitern erst mühsam wieder aufgebaut werden. Daher ist es ein Gebot der Stunde, die Potentiale der Arbeitnehmer aller Altersstufen zu fördern und zu nutzen. Durch das Schaffen altersgerechter Arbeitsplätze sollte ein Umfeld hergestellt werden, in dem sich Menschen wohlfühlen – was wiederum bedeutet, dass sie bessere Leistungen erbringen. 

 

Wandel der Gesellschaft

Um mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und bessere Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen zu erreichen, wäre einer der dringlichsten Reformschritte, das Pensionsalter von Männern und Frauen vorzeitig anzugleichen. Errungenschaften wie die Witwenpension sind Lösungen für vergangene Lebensformen, Kindererziehungs- sowie Pflegezeiten sollten, wie der Präsenzdienst bei Männern, die einzigen anrechenbaren Ersatzzeiten sein. Bei Angleichung des Pensionsantrittsalters erhöhen sich klarerweise auch die Berufs- und Einkommenschancen für Frauen und die wohlbekannte Schere kann sich schneller schließen. Ungerechtigkeiten wurden bis dato oft durch einen früheren Pensionseintritt von Frauen ausgeglichen….für selbstbestimmte Frauen, die länger arbeiten wollen, ein Zeichen in die falsche Richtung.

Die Rolle des Mannes wandelt sich vom Familienerhalter zum gleichberechtigten Elternteil. Je mehr Teilhabe am Familienleben möglich ist, umso größer wird die Bereitschaft von Paaren sein, mehr als nur ein Kind zu bekommen. Abgesehen vom persönlichen Glück des Einzelnen wirkt eine erhöhte Geburtenrate nämlich auch dem demoskopischen Wandel entgegen. Diesen nur über Migration ausgleichen zu wollen, was für viele ein Allheilmittel zu sein scheint, kann auf Dauer nicht funktionieren. Es ist festzustellen, dass kinderreiche Migranten sich innerhalb zweier Generationen an die Gepflogenheiten des neuen Heimatlandes angleichen und damit das Problem der Überalterung nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben wird.

 

Vielfalt der Talente fördern

Es ist eine Tatsache, dass wir nur durch Zuwanderung unseren derzeitigen Bevölkerungsstand halten können, und wir sollten uns Gedanken machen, wie Österreich ein attraktives Einwanderungsland wird. Die Rot-Weiß-Rot Karte ist ein wichtiger Schritt in Richtung geregelte Zuwanderung und bedeutet einen Zugewinn für beide Seiten, denn Integration funktioniert nicht, wenn nur ein Teil profitiert. Wir müssen ein klares Bekenntnis zur gesellschaftlichen Offenheit abgeben, Leistung fördern und zugleich Pflichten einfordern.

Für die junge Generation muss es uns gelingen, deren Talente und Fähigkeiten optimal für die Gesellschaft und den Einzelnen zu nutzen. Durch eine Potentialanalyse in der 8. Schulstufe besteht langfristig die Chance, dass Invalidität, Burn-out und frühe Pension verhindert werden. Wer in einem Bereich arbeitet, der seinen Qualitäten entspricht, ist logischerweise motivierter als jemand, der praktisch in sein Arbeitsleben hineinstolpert. Im internationalen Wettbewerb können wir nur erfolgreich sein, wenn wir die Fähigkeiten der Jugend bestmöglich einsetzen und den Menschen damit wichtige Erfolgserlebnisse zukommen lassen.   

 

Perspektiven der späten Jahre

Wenn wir alle, so Gott will, später als heute in Pension gehen, wird sich uns die Frage nach sinnvoller Gestaltung des Lebensabends stellen. Jeder will frisch und gesund sein, doch dazu bedarf es schon in jüngeren Jahren einiger Vorbereitungen. Geistige und körperliche Fitness sind kein Zufallsprodukt, sondern können durch lebenslanges Lernen, ausgewogene Ernährung und vernünftige Bewegung forciert werden. Es soll den Menschen keinesfalls Genuss in jeder Hinsicht vergällt werden, doch in unserer Überflussgesellschaft ist Maß halten so etwas wie eine positive Fleißaufgabe. Geistige Herausforderungen, körperliche Betätigung, Muskeltraining und Bewegung mit Freude zählen zu jenen Faktoren, die Pflegeanfälligkeit drastisch reduzieren. Mobilität im Alter ist auch eine Frage des Wollens, denn es gibt zahlreiche Aufgaben, die sinnstiftend für das Allgemeinwohl sind, Spaß machen und zugleich die öffentliche Hand entlasten. Sei es Nachbarschaftshilfe, freiwillige Mitarbeit in Vereinen und Organisationen oder die Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen. Beschäftigung schafft positive Perspektiven und verlangsamt den Alterungsprozess. Niemand will im Pflegeheim dahindämmern und auf fremde Hilfe angewiesen sein, daher sind ein Umdenken im Wohnen und Zusammenleben und die Wiederentdeckung des menschlichen Faktors im Lebensalltag gefragt. In Mehrgenerationsbauten könnten Lebensgefüge für Jung und Alt geschaffen werden, die den Bedürfnissen aller Bewohner entsprechen. Kommunikation zwischen den Generationen bedeutet gegenseitige Unterstützung und fördert ein Wir-Gefühl statt Isolation, die bekanntermaßen Gift für das seelische Wohl insbesondere älterer Menschen sind.

 

Glücksfall, nicht Katastrophe

All diese Reformen und Maßnahmen dienen dem Zweck, dass Menschen gerne länger arbeiten, eine bewusste Pension erleben und durch gemeinsame Anstrengungen die Finanzierung der staatlichen Pension auch in Zukunft gesichert ist. Natürlich müssen sich auch Politik und Verwaltung am Schopf packen und durch Vereinfachungen der Systeme und den Abbau von Privilegien gleiche Chancen für alle schaffen. Unsere Kinder dürfen sich nicht im Stich gelassen fühlen als Generation, die für ihre Altvorderen gesorgt hat und selbst mit leeren Händen da steht. Wenn die Jungen so zu denken beginnen, bedeutet dies die Auflösung des Generationenvertrags und führt schleichend zu einer massiven Entsolidarisierung. Daher ist die Erhaltung des Lebensstandards aller Beteiligten ein Ziel, das wir mit ganzer Kraft verfolgen müssen.

Der größte Fehler, den die Verantwortlichen beim Thema Pensionen machen können, ist … nichts zu tun! Anstatt über Tatsachen zu jammern, sollten wir offen für neue Wege sein - dass wir alle älter werden, ist ja keine Katastrophe, sondern ein Glücksfall. In Zukunft werden wir uns darauf einstellen müssen, dass mehrere Generationen nebeneinander die Welt aktiv gestalten. Unsere Aufgabe besteht darin, Weichen zu stellen und Verhältnisse zu schaffen, damit die Pluralität der Generationen keine Vision bleibt, sondern Wirklichkeit wird.

Autor: Peter Lehner